Teilzeit heißt Fortschritt … nicht Rückschritt

Ganz oder Gar nicht. Oder wie es im Berufsalltag heißt: 38,5 bzw. 40 Wochenstunden. Ansonsten gibt es keinen Job, keine Führungsposition und somit auch keine Karriere.

Auch im 21. Jahrhundert verschreibe ich mich mit allem was ich habe dem einen Unternehmen. Der einen Jobfunktion. Es heißt ja nicht umsonst in vielen Verträgen: ALL IN.

Aber bitte, das ist doch alles andere als zeitgemäß! Wieso messen wir noch immer Arbeit in Stunden? Einem Modell, das wir der Einführung von Schichtarbeit im Zuge der Industrialisierung zu verdanken haben (Maschinen konnten plötzlich 24/7 arbeiten, wir Menschen konnten hier jedoch nicht mithalten, daher teilte man den Tag in 3 x 8 Stunden).

Neue Arbeitsmodelle sind gefragt

Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster (Achtung Sarkasmus) und wage zu behaupten, dass sich die Art unserer Arbeit seit damals verändert hat. In Zeiten von INDUSTRIE 4.0 und Digitalisierung sind kreative Lösungen und Denken gefragt – Aufgaben und Tätigkeiten also, die man sicherlich nicht straff organisieren kann. Nicht umsonst heißt es „Freiraum geben“ und „Loslassen“ im Zuge der „New-Work-Bewegung“. Und ich gebe zu: bei mir klappt es nicht, in dem 30 Minuten Slot zwischen dem morgendlichen Jour fixe und dem Projektmeeting den einen genialen Einfall einzuplanen.

Nun ja, da stehen wir also: wir haben neue Herausforderungen, jedoch versuchen wir diese zum Großteil noch mit denselben, alten Antworten zu lösen. Natürlich gingen wir ein Wenig mit der Zeit und haben uns nicht ganz dem Stillstand verschrieben, wie beispielsweise die Abwesenheit von Stempeluhren oder „mobile working“ vielerorts zeigen. Aber muss „Neues Arbeiten“ bei coolen Büroräumlichkeiten enden?

Ich weiß, gut Ding braucht Weile und die Arbeitswelt zu revolutionieren, ist nicht so einfach – hängen doch Gesetzgebung, Bildungssystem und viele weitere Bereiche daran.

Stoff zum Nachdenken – 2 Aspekte, die unsere Arbeitswelt verändern würden

Trotzdem möchte ich 2 Aspekte ansprechen, die wir langsam in Betracht ziehen sollten. Zwei sehr simple Aspekte in meinen Augen. Denn wie uns ja bereits Apple lehrte: die größten Innovationen sind oftmals die simpelsten:

1. Rollen anstatt Funktionen

Unsere Jobfunktionen sind meist noch sehr starr und beinhalten einerseits Routine-Aufgaben, die man kürzen oder automatisieren könnte. Meist umfasst ein Job auch Aufgaben, die nicht den persönlichen Stärken entsprechen. Er macht halt nur teilweise Spaß (wenn überhaupt).

Warum also nicht ein Rollenkonzept einführen, das Jobfunktionen sprengt und ein „out of the job-description“-Denken zulässt. In dem Fall hätte dann eine Person mehrere, unterschiedliche Rollen inne – die im Optimalfall sogar ihren Stärken entsprechen: so kann diese Person zB sowohl im Marketing als auch im Kommunikationsteam und bei HR Fragen mitarbeiten. Falls du dir jetzt denkst, das gibt es doch? Stimmt – es ist ein nicht ganz neuer Gedanke, geht beispielsweise Holacracy genau in diese Richtung. Ich möchte diese Idee aber noch weiterspinnen: Müssen die unterschiedlichen Rollen tatsächlich innerhalb EINES Unternehmens sein?

Freie Dienstleister zeigen wie es geht

Zeigen uns nicht diverse Dienstleister, dass man Leistung auf die Spitze treiben kann, wenn man unterschiedliche Perspektiven kennt? Man bedient verschiedenste Kunden, arbeitet bei unterschiedlichen Projekten mit. Immer häufiger treffe ich Personen, die ihre Karriere im Großkonzern an den Nagel hängten, um frei – zeitlich und örtlich unabhängig – bei Projekten mitzuarbeiten, die ihnen gefallen. Ganz von allein eignet man sich so einen breiten Erfahrungsschatz an, kriegt neue Ideen und macht nahezu ausschließlich Dinge, die einem Spaß machen.

Doch geht das erst, wenn man ein Konzernleben hinter sich brachte? Ich denke nicht.

Um euch ein Beispiel zu geben: bevor ich in Karenz ging, habe ich neben meinem Vollzeitjob eine Sprecherausbildung absolviert, als Moderatorin gearbeitet, Kreativworkshops veranstaltet und als Projektmanagerin bei einem Musikfestival mitgearbeitet. Was mein Unternehmen davon hatte? Viele neue Ideen, eine motivierte Mitarbeiterin, weil ich meine Stärken auf so unterschiedliche Weise ausleben konnte und noch dazu eine handvoll toller Kontakte, die mich in meinem Konzernjob wieder unterstützten.

2. Die Qualität der Arbeit kann nicht in Stunden gemessen werden

Nun ja, und hier kommt der Haken bzw. der 2. Aspekt, den ich einwerfen muss. Die Folge von meinen zig Rollen war, dass ich gefühlt 24/7 gearbeitet habe. Nach meinem Office-Job wurde zu Hause weitergearbeitet. Natürlich auch am Wochenende. Das ging für eine gewisse Zeit gut, aber sicher nicht auf Dauer.

Aus diesem Grund sehe ich es an der Zeit, sich von Vollzeit zu verabschieden und neu in Teilzeit-Rollen zu denken (ich nenne es Teilzeit-Rollen, gemeint ist damit jedoch nicht, die Rollen anhand von Stunden zu splitten. Gemessen wird viel eher der Output bzw. die erbrachte Leistung).

Leidenschaften sind Beruf(ung)

Und jetzt noch was Innovatives: die Teilzeitrollen dürfen in meinen Augen komplett unterschiedlich sein: Online-Marketing im Konzern, Mode-Designen beim Startup und Kunst handeln als Selbstständige. Warum? Weil wir nicht nur eine Stärke und Leidenschaft haben. Es gibt viele Sachen, die uns motivieren, die uns Sinn geben. Die Zeiten, in denen Arbeit nervt, sollten schon längst vorüber sein.

Abgesehen davon profitiert unser Gehirn, wenn wir nicht nur geistige sondern auch handwerkliche, kreative Arbeit leisten (Design Thinking lässt grüßen – plötzlich steht man mit Knete und Legobausteinen im Trainingsraum).

Sind wir für eine Arbeits-Innovation bereit?

„Arbeit ist Arbeit, Freizeit ist Freizeit. Das sollte man nicht vermischen.“ Klar. Vielerorts gibt es noch diese Ansichten. Ist auch legitim. Es gibt Menschen, die beruflich „eine ruhige Kugel schieben wollen“. Das sind aber dann nicht unbedingt jene Personen, die ein Unternehmen weiterentwickeln. Will man jedoch solche treibenden Personen im Konzern haben, muss man es wagen, neue Wege einzuschlagen.

Nun ja, um abschließend auch den Mama Aspekt reinzubekommen: ja, Mama sein ist auch eine Rolle und ja, man entwickelt neue Eigenschaften und Kompetenzen, von denen auch ein Konzern profitieren kann. Und es ist höchste Zeit, das auch anzuerkennen. Dazu aber mehr in einem anderen Blog.