Karenzrückkehrer – eine Stigmatisierung?

Ich erinnere mich an meinen letzten Arbeitstag vor der Karenz, als ob es gestern gewesen wäre: bis zur letzten Minute schaltete ich keinen Gang zurück, ich zwang mich regelrecht nach 8 Arbeitsstunden das Office zu verlassen (gesetzliche Vorschrift – sonst wäre ich wohl noch länger geblieben) – und ich ging mit mehr als einem weinenden Auge. (nachzulesen in meinem Blog  Arbeit und „plötzlich“ ein Kind)

Ich mochte meinen Job, viele Leidenschafts-Projekte kamen endlich ins Laufen, doch nun hieß es loslassen: eine Eigenschaft, die nicht zu meinen Stärken zählte. Mir fällt es einfach schwer, Dinge zurückzulassen, sie in andere Hände zu geben und zu hoffen, dass sie dort gut aufgehoben sind. Doch das war wohl die Übung für einen späteren Zeitpunkt – ein Zeitpunkt der nun gekommen ist: Ich werde wieder arbeiten, zwei Monate sogar Vollzeit, und werde meinen Sohn loslassen müssen (auf eine gewisse Art und Weise).  Auch jetzt betrachte ich die Situation wieder mit mehr als einem weinenden Auge – das ist auch gut so. Doch zugleich überkommt mich auch ein Schwall an Vorfreude!

Zurück zu meiner Leidenschaft – zurück zum Beruf

Nun ist es nicht mal mehr eine Woche bis zu meinem offiziellen, ersten Arbeitstag – bis zu meiner Karenz-Rückkehr (wie ich bei diesem Begriff „Rückkehr“ lachen muss, klingt es doch ein wenig theatralisch und assoziiere ich diesen Begriff viel mehr mit Film-Titeln wie „Die Rückkehr der Yedi-Ritter“, „Batmans Rückkehr“, „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“ , …. als mit meiner aktuellen Situation.)

KARENZRÜCKKEHR klingt einfach nach Inszenierung, was es aber nicht sein sollte, bin ich doch die Gleiche wie zuvor. Oder vielleicht nicht?

Bin ich nach einer Baby-Pause anders?

In meinem Fall komme ich nach einer 14-monatigen Pause zurück, ich fühle mich gereift und kompetenter. Habe ich doch unglaubliche Dinge erfahren und durfte so viel dazulernen:

Ich habe die Verantwortung für ein Menschenleben übernommen, ich habe eine Vorbildsrolle eingenommen, ich musste mich in Geduld üben wie noch nie zuvor in meinem Leben (Stichwort schlaflose Nächte, was wirklich eine Foltermethode sein kann) – um nur einige wenige Dinge zu nennen, die mich unglaublich wachsen ließen. Gar nicht zu sprechen von der Empathie und dem Einfühlungsvermögen, welche mit einem Kind scheinbar exponentiell zunehmen.

Ein fader Beigeschmack bleibt

Trotz der vielen neuen Erfahrungen, bemerke ich, dass meine Vorfreude gedrückt ist. Stehen all die neuen Kompetenzen im Schatten der Teilzeit-Karenzrückkehrerin, der „minderen Arbeitskraft“? Ja, ich muss künftig eine zeitliche Grenze ziehen, denn es gibt jemand Wichtigeren in meinem Leben. Jemanden, der mich mehr braucht, als mein Job mich je brauchen könnte.

Ist doch OK in Zeiten von „Neuem Arbeiten“ und Mobile Working?! Präsenz ist doch nicht alles. Außerdem wissen wir doch alle, dass 8-10 Arbeitsstunden pro Tag mit vielen nutzlosen, administrativen Aufgaben bestückt sind. Das Entwickeln von kreativen Lösungen – Wissensarbeit also – kann man nicht in Arbeitszeiten packen (Blog Teilzeit heißt Fortschritt … nicht Rückschritt)

Abgesehen davon predigen nicht nur Arbeitsreformer sondern viele Top-Manager, dass Empathie, Leadership und Entrepreneurial Spirit die Kompetenzen der Zukunft sind. Dinge, die man doch genau als Mama / Papa weiterentwickelt.  Ohne Seminar und Training – sondern auf eine super-praktische Weise!

Trotzdem stigmatisiert?

Googelt man „Karenzrückkehr“, spuckt die Suchmaschine Ergebnisse wie „von der Abteilungsleiterin zur Empfangsdame“ aus. Falsches Denkmuster oder Realität? Muss man sich sein „Standing“ erst wieder erarbeiten? Hat man überhaupt die Chance, die gleiche Rolle wie vor der Karenz einzunehmen? Auch mit weniger Arbeitsstunden?

Die Veränderung geht schleppend voran, doch Gott sei dank finden sich immer häufiger positive Beispiele – wie Shared Leadership – die beweisen, dass es geht. Ist man also im richtigen Unternehmen und hat die richtige Führungskraft, bedeutet Karenzrückkehr nicht gleich Karriereende.

Warum ich also meine Stimme erhebe? Weil es nicht bei Glück und Einzelfällen bleiben darf! Es muss selbstverständlich sein, dass eine Frau – eine Mama – die gleichen Chancen hat wie zuvor. Nein, ich muss es drastischer formulieren: eine Frau muss die gleichen Chancen haben wie ein Mann! Wochenstunden hin oder her, Mama sein hin oder her.

Die Gesellschaft muss sich ändern

Was wir also benötigen ist eine Veränderung unserer alten Denkmuster in unserer Gesellschaft. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Mama in Karenz geht und der Papa weiterarbeitet. Mamas sind auch keine schlechten Mütter, wenn sie sich entscheiden, Rollen zu tauschen und rascher in ihren Job zurückkehren.

Wir müssen aufhören, über Veränderung zu sprechen und gleichzeitig die zu kritisieren, die Neues wagen!

Wir müssen aufhören, andere Länder zu beneiden (in Schweden gehen 90 % der Väter in Karenz) sondern es selbst tun!

Wir müssen aufhören zu denken, dass ein Leader derjenige ist, der zuletzt das Office verlässt.

Gute Vorbilder sind doch die Menschen, die Familie, Job und Hobbies unter einen Hut bekommen. Menschen, die ausgeglichen sind und Zeit haben, sich für andere Menschen zu interessieren, die Zeit haben,  sich um andere zu kümmern. Das sind die echten Leader – privat und beruflich!