Zurück in den Job – mein Sohn mein Coach

Dieser Blog hätte eigentlich ein Fazit zu meinem beruflichen Wiedereinstieg nach der Karenz werden sollen – beinahe  5 Wochen und zig Versuche später, einen guten Blog zu schreiben, der auf den Punkt bringt, wie es mir geht, der zusammenfasst, wie es  war, zurück in den Job zu kommen, der auch den einen oder anderen Rat bereit hält, wie man Mama sein und Job gut unter einen Hut bringen kann, gebe ich jedoch offen und ehrlich zu: ich bin gescheitert.

Ich erlebe nach wie vor ein Wechselbad der Gefühle, und das in Worte zu fassen, kann ganz schön verwirren: manchmal kommt mir im Job  alles so vertraut vor, als ob ich aus einem 3-wöchigen Urlaub zurückgekehrt wäre, manchmal jedoch scheint mir die Konzern-Welt mit all ihren Facetten so fremd. Manchmal freue ich mich unglaublich auf den Office-Tag, und manchmal möchte ich einfach nur losheulen, wenn ich mich von Theo verabschiede. Diese Zerrissenheit zu beschreiben ist schwer, sie nachzuvollziehen, noch viel schwerer. Daher möchte ich den Versuch, meine Gefühle in Worte zu fassen, somit auch beenden.

Was mir jedoch gelingt, ist, meine Gedanken in die Berufswelt zu übersetzen: ich erlebe gerade einen Veränderungsprozess (so wie ich ihn im Job selbst oftmals treibe – Stichwort Change Management) – und das Kurioseste und zugleich Beste an diesem Veränderungsprozess: mein Sohn ist dabei mein Coach:

New Work bzw. Neues Arbeiten durchs Mama-sein geübt

Abgesehen vom Rollenkonzept (in meinem Fall aktuell noch Vollzeit Arbeit, ab Februar Teilzeit Arbeit, Vollzeit Mama, „geringfügig“ Blogger und leidenschaftlich Sprecher) von dem ich Tag für Tag eine größere Verfechterin werde, trainiert ein Kind jemanden genau in den Bereichen, die man im Zuge von „Neuem Arbeiten“ predigt

Loslassen & Perfektionistin ablegen – New Work Motto „fast over perfect“

Falls ihr meinen Blog verfolgt, wisst ihr bereits, wie schwer es mir fällt, Dinge zurück zu lassen und Verantwortung abzugeben. Wie sehr war ich innerlich zerrissen, als ich in Mutterschutz gehen und meine Projekte abgeben musste. Ich gebe es zu: ich bin eine Perfektionistin und bevor die Qualität nicht meinen Ansprüchen entspricht, mache ich es lieber selbst (schlechte Eigenschaft – ABER – ich arbeite an mir):

Und auch jetzt fiel es mir super schwer, loszulassen: Nach beinahe durchgehend 365 Tagen mit meinem Sohn musste ich einen Tag nach seinem 1. Geburtstag loslassen und hoffen, dass alles halbwegs in geregelten Bahnen verläuft. Ich musste akzeptieren, dass ich einfach nicht alles kontrollieren kann, und noch schlimmer, ich musste akzeptieren, dass ich nicht mehr in jeder Minute seines Lebens neben ihm sein werde und erlebe, wie er sich entwickelt. Gar nicht so einfach, auch wenn man weiß, dass der Zwerg in den aller aller aller besten Händen ist!

Durch diese Erfahrungen lernte ich aber auch, beruflich loszulassen. Zumindest ein bisschen – ausgelernt habe ich jedoch bestimmt noch nicht 😉 Ich muss nicht mehr bis ins kleinste Detail in jedem Projekt mit dabei sein oder es sogar alleine treiben. Das geschieht natürlich zum Teil auch gezwungener Maßen, da ich einfach auch nicht mehr die Zeit dazu habe. Ich musste dadurch auch erkennen, dass es nicht nur die eine, perfekte Lösung gibt, sondern dass man sich auch mal mit GUT zufriedengeben muss und ich lerne, dass man nicht alles kontrollieren kann, wenn man Verantwortung abgibt!

Produktivität

So sehr einen einerseits die Gefühle, seinen Zwerg zurückzulassen, beinahe zerreißen, so sehr genoss ich es auch wieder, im Job zu sein. Ich konnte mich endlich wieder mit Herz und Nieren einem Thema widmen, ohne dabei einen Zwerg in dem Armen zu halten, ihn zumindest mit einem Auge zu beobachten oder im Minutentakt unterbrochen zu werden. Wie schön, mal mehr als maximal 2 Stunden am Stück (sein maximalstes Schläfchen tagsüber seit er auf der Welt ist) zu haben, von denen ohne der Großteil für menschliche Grundbedürfnisse wie essen, duschen und Co draufgeht!

Und obwohl ich so viel Zeit wie schon lange nicht mehr für „mich“ und meine Ideen habe, bemerke ich, dass mein Bedürfnis gestiegen ist, Zeit produktiv zu nützen. Ich kriege irrsinnig viele Dinge in kürzester Zeit unter und ich ertappe mich dabei, wie ich bei Meetings nervös und unrund werde, sobald sie in Schwafeleien abweichen.

Theo hat mich einfach in Produktivität trainiert. 45 Minuten Schläfchen – OK, Mami duscht, kocht, räumt die Spielsachen weg, und schafft es sogar noch, an ihrem Blog zu schreiben – den Speedy Gonzales in mir nahm ich nun auch in die Berufswelt mit.

Dinge Bewirken & Sinnhaftigkeit im Tun

In meinem Leben, das vor dem Zwerg maßgeblich meiner Arbeit gewidmet wurde, gibt es jetzt mehr. Während der 14 Monate, die ich nicht im Konzern war, durfte ich an einem Wunder teilhaben. Ein ungeborener Säugling wurde zu einem traumhaften Menschen. Damit kann echt nichts mithalten! So sehr ich mich im Job über eine neue Idee, das OK für ein Projekt oder auch das Danke eines Kollegen freue – nichts ist so traumhaft wie die ungebremste Neugierde und die Entwicklung meines Sohns zu sehen. Theo ist der WAHNSINN, er ist ein cooler Dude – und die Entscheidung, nicht bei ihm zu sein, treffe ich sicherlich nicht leichtfertig und leichtherzig.

Was ich daher für meinen Job lernte: Ich versuche jeden Tag, jede Stunde so zu gestalten, dass ich es nicht bereue, nicht bei meinem Sohn zu sein. Ich ärgere mich nicht mehr über Kleinigkeiten, ziehe mich aus Taktieren und Streitereien zurück und frage mich viel mehr, wie ich etwas Positives beitragen kann! Ich versuche optimistisch zu bleiben, auch wenn es nicht immer leicht ist. Und ich versuche Rückschläge schneller wegzustecken. Theo tut das doch auch. Ich versuche, die Direktheit, Offenheit und Neugierde, die ich bei Theo tagtäglich erlebe, mit in die Arbeitswelt zu nehmen – mehr denn je.

Und nun kommt doch ein kleines Fazit: Wenn wir es schaffen, uns in der Berufswelt einfach öfter wie Menschen und nicht wie Arbeitstiere zu verhalten, ist der Konzernalltag viel schöner und kann sogar richtig Spaß machen!